Rassismus, Gewalt, Ablehnung: meine Kindheit und Jugend auf einer Waldorfschule

| 22. Mai 2025 |

Über den Autor

Maori mag Igel, Whisky und Vielfalt. Geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, lebt und arbeitet er heute in Hamburg. Seit 2006 unterstützt er das Deutsche Rote Kreuz HH-Eimsbüttel, seit 2010 Hinz & Kunzt.

In den 1980er Jahren, lange vor Google und Co., waren Eltern bei vielen Fragen und Alltagsproblemen auf sich gestellt. Dazu zählte auch die folgenreiche Entscheidung, auf welche Schule man die eigenen Kinder schickt. Mein Vater war ein Künstler und Freigeist, weshalb er es in seiner Kindheit nicht einfach hatte. Daher wünschte er sich für seine Kinder eine Schule, die Freiräume bietet und Kreativität fördert. Am Ende meldeten meine Eltern uns an der örtlichen Waldorfschule an. Für mich wurden es die schlimmsten 13 Jahre meines Lebens.

Der erste Schultag begann damals mit einem festen Ablauf: Die Eltern (die Zeit hatten) und die neuen Erstklässler*innen versammelten sich im Festsaal der Schule. Nach einer Feier, an die ich mich nicht mehr erinnere, wurden die Kinder von den Eltern getrennt und in den Klassenraum geschickt. Als ich in die Klasse kam, wurde ich mit dem einzigen anderen „Ausländer“ (aus Sicht des Lehrers; er war kein Ausländer, sondern einfach nur nicht weiß) an einen Tisch gesetzt. Es waren Zweiertische, muss man dazu vielleicht sagen. Damit war jedenfalls meine Rolle in der Klasse geklärt, ebenso wie die meines Banknachbarn Albert. Wir waren die Ausländer, die einzigen Nicht-Weißen des Jahrgangs. Meine Schulzeit startete direkt mit Ausgrenzung.

Das Problem an der Waldorfschule: Die Klassen bleiben von der ersten bis zur letzten Stufe zusammen. Wer in der ersten Klasse in einer Schublade landet, bleibt dreizehn Jahre dort. Ich war also dreizehn Jahre lang der Ausländer, der Chinese, die „Peking-Ente“ (der Typ, der das gesagt hat, ist mit etwa 20 an Leukämie gestorben). Da es fast nur Weiße auf der Schule gab, hatte ich keine Verbündeten. Lehrer, Schüler*innen, Eltern, sie alle ließen dreizehn Jahre lang ihren Rassismus an mir aus. Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, aber es würde eh niemand lesen. Es hat damals niemanden interessiert, und es würde auch heute niemanden interessieren.

Kein Vergeben, kein Vergessen

Die meisten Täter*innen von damals würden heute leugnen, Rassist*innen zu sein. Kaum ein Schultag ist vergangen, ohne dass ich beleidigt, diskriminiert oder bedroht wurde. Lehrkräfte haben meine Meldungen abgetan, verharmlost oder geleugnet. Der Mitschüler Maik B. sagte einmal zu mir: „Ich finde es gut, was mit Hiroshima passiert ist.“ Ich habe gehört, dass er bei der Polizei gelandet ist. Wie passend. Wieso hat niemand zu mir gehalten? Ich hatte keine Freunde. Zumindest keine echten. Heute weiß ich das. Damals dachte ich, es wäre völlig normal, völlig allein zu sein.

Übergriffe von Lehrkräften gegenüber Schüler*innen gab es reihenweise an unserer Schule. Der Gartenbaulehrer H. hat einem Mitschüler während des Unterrichts ins Gesicht geschlagen, weil er ihm „zu laut“ war. Die Englischlehrerin A. hat demselben Schüler ebenfalls während des Unterrichts eine Backpfeife gegeben. Der Sportlehrer G. hat mich mal gepackt und kräftig geschüttelt, weil ich im Sportunterricht mal mit einer Schiedsrichterentscheidung nicht einverstanden war (ich habe sowas gerufen wie „der Ball war aus!“). Verstörend einfach. Meine Eltern haben das immerhin der Schulleitung gemeldet und es gab eine Konferenz, G. wurde aber nicht sanktioniert. Derselbe Typ hat Mädchen bei jeder Gelegenheit angefasst und ohne Grund ständig deren Umkleidekabine betreten, wie ich später von einer ehemaligen Mitschülerin erfahren habe.

Man sieht es, wenn man hinsieht

Ich war schon als Kind besonders nachdenklich. Für den ständigen Kampf war ich nicht gemacht. Als ich vor einigen Jahren – einige Stunden, bevor mein Vater gestorben ist – in der ehemaligen elterlichen Wohnung meine alten Sachen ausgemistet habe, ist mir ein Foto in die Hände gefallen. Es zeigt mich auf einem Rastplatz während eines Zwischenstopps auf der Rückfahrt von einer Klassenfahrt 1996. Hätte ich ein Kind, das so auf einem Klassenfahrtfoto gucken würde, ich würde mir ernsthafte Sorgen machen.

Seit meiner Kindheit werde ich immer wieder gefragt, wieso ich so unglücklich gucke. Lange Zeit dachte ich, das sei normal. Heute weiß ich, dass mich meine Schulzeit krank gemacht. Unheilbar. Immerhin weiß ich das jetzt, damit kann ich arbeiten. Aber vergeben? Vergessen? Das wird nicht passieren.

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