Hamburger Volksentscheid zur Olympia-Bewerbung: ohne jede Disziplin

| 2. Juni 2026 |

Über den Autor

Maori mag Igel, Whisky und Vielfalt. Geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, lebt und arbeitet er heute in Hamburg. Seit 2006 unterstützt er das Deutsche Rote Kreuz HH-Eimsbüttel, seit 2010 Hinz & Kunzt.

Am Sonntag, den 31. Mai 2026, hat Hamburg erneut entschieden: Wir möchten uns nicht für die Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele in naher Zukunft bewerben. Schon 2015 hatte die Mehrheit der Wähler*innen so entschieden. Überwältigend ist die Ablehnung nicht, lediglich 55 Prozent stimmten mit „Nein“ – bei einer Wahlbeteiligung von etwa 50 Prozent. Nichtsdestotrotz feiern viele Olympia-Gegner*innen, als hätte sich ganz Hamburg gegen die Bewerbung ausgesprochen. Auf der anderen Seite kommentieren etliche Befürworter*innen ähnlich überheblich, dass Hamburg sich sinngemäß die Zukunft verbaut habe und die Ewiggestrigen gewonnen hätten. Häme, Pöbeleien, Beleidigungen. Viele Menschen, so mein Eindruck, sind nicht mehr in der Lage, Argumenten zu folgen und Zusammenhänge anzunehmen. Das nervt.

Als ich vor einigen Wochen die Wahlunterlagen zum Volksentscheid zugeschickt bekommen habe, hatte ich keinen blassen Schimmer, über was ich da abstimmen sollte. Also habe ich mich eingelesen und mir die Pros und Kontras aller Lager angeschaut. Denn wir wissen ja, dass wir uns selbst manipulieren, wenn wir mit einer vorgefertigten Meinung in eine Recherche gehen. Was mir beim Durchlesen der vielen Argumente aufgefallen ist: Sowohl die Gegner*innen als auch die Befürworter*innen legen sich viele Scheinargumente so zurecht, dass sie passen. Das ist zwar verständlich, allerdings hätte ich mir mehr Eigenverantwortung gewünscht. Bedeutet, der Aspekt, dass man selbst als Bewohner*in dieser Stadt einen Beitrag in die eine oder andere Richtung leisten kann, kam mir zu kurz.

So wurde hüben wie drüben viel über Geld geredet. Die Gegner*innen möchten, dass das Geld in „sinnvollere“ Dinge investiert wird. Die Befürworter*innen möchten, dass durch Olympia Bundesmittel und Investitionen in die Stadt kommen. Allerdings tun beide Seiten so, als hätten sie mit den Entscheidungen, wofür welches Geld ausgegeben wird, nichts zu tun. Wir sprechen hier von einem Zeitraum, der ein bis zwei Jahrzehnte in der Zukunft liegt. Da wird mit der Elbphilharmonie argumentiert. Oder mit dem Elbtower. Viele Verantwortliche werden zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele vermutlich nicht mehr leben, aber hey, scheiß drauf. Fakt ist: Wir wissen heute noch gar nicht, wer wie viel Geld für welche Art Spiele ausgeben wird. Man muss sich nur mal das Szenario vorstellen, Hamburg hätte für die Bewerbung gestimmt und würde in zehn Jahren die Linke zur stärksten Kraft in Hamburg wählen. Vielleicht hilft das, um sich unterschiedliche Umsetzungen eines solchen Großereignisses vorzustellen.

Alles gut vs. alles schlecht

Auf der anderen Seite stehen viele Befürworter*innen, die jetzt lamentieren, Hamburg habe sich gegen Innovationen und die Zukunft entschieden. Ich habe für die Bewerbung gestimmt und breche jetzt trotzdem nicht zusammen. Hamburg ist eine reiche Stadt mit innovativen Unternehmen und kreativen Köpfen. Natürlich gibt es hier Probleme, aber verglichen mit Berlin geht es uns blendend. Die Wahrheit ist doch: In Hamburg hätte es sehr hamburgische Olympische und Paralympische Spiele gegeben. Bei uns hätte sich die Welt wohlgefühlt. Und wie sehr eine Stadt von Olympia profitiert, liegt zu einem erheblichen Teil an der Umsetzung – also an uns.

Was ich absolut ekelhaft finde, sind die Menschen, die sagen: „Ich habe nichts davon, deshalb bin ich dagegen.“ Ich finanziere mit meinen Steuern auch Spielplätze und Hundewiesen, was stimmt mit den Leuten nicht? Aber nun ja, so ist das, den Leuten Angst machen funktioniert gut, das sieht man ja an den aktuellen Umfragewerten. Trotz allem ist und bleibt Hamburg auch ohne die Spiele attraktiv und stark. Es wird keinen Niedergang geben, die Zukunft hängt ganz sicher nicht von einem Event ab. Und man muss die Gegner*innen auch nicht als Ewiggestrige abstempeln, nur weil man es nicht geschafft hat, deren Sorgen mit überzeugenden Argumenten aufzufangen.

Das Millionendesaster Olympia-Kampagne

Welches Geld man auf jeden Fall hätte besser investieren können, ist das Werbebudget für die Olympia-Kampagne des Senats. In eine gute Kampagne beispielsweise. Na ja, was soll ich sagen? Man merkt der Kampagne an, dass da sehr viele fachfremde Menschen reingeredet haben. Plakate, Drohnenshow, Infomaterial, alles wirkt wie ein elender Kompromiss von Werbefuzzis und Politiker*innen. Auf der einen Seite diese etwas zu energisch präsentierenden Macker, die davon reden, die Menschen zu „begeistern“ und „mitzureißen“. Auf der anderen Seite Bedenkenträger*innen, die in unzähligen Meetings die Agentur darum bitten, hieran und daran zu denken. Und am Ende kommt so eine belanglose Grütze raus, die aussieht wie Wahlwerbung einer neuen Kleinpartei für „Menschen wie du und ich“.

Das Hauptproblem: die Kommunikation von oben herab. Ich weiß nicht, wer die Strategie verbrochen hat, aber das Marketing ist mit dem Briefing gescheitert. Statt gemeinsam mit der Bevölkerung gegen die anderen Städte zu feuern (wir sind Hamburger*innen, wir können es besser), wurde kommuniziert: Du möchtest doch, dass Hamburg gut dasteht, oder? Du möchtest doch, dass es Hamburg besser geht, oder? Mach doch bitte was für deine Stadt, du bist doch nicht so dumm und stimmst gegen diese ganzen tollen Vorteile für Hamburg, oder? Es tut mir sehr leid, aber das ist arrogant und trifft nicht den hanseatischen Nerv. Die durchschnittliche Einzelperson interessiert sich einen Scheiß für dieses abstrakte Konstrukt „Hamburg“, genauso wenig wie Hamburg sich für sie und ihre Belange interessiert. Um Menschen mitzureißen, muss ein irrationaler Lokalpatriotismus erzeugt werden. Und dafür braucht man einen Feind. Deutsche sind nur zu begeistern, wenn sie gegen etwas oder irgendjemanden sein können.

Genug ist genug, oder nicht?

Nun haben die Hamburger*innen zweimal gegen eine Olympia-Bewerbung gestimmt. Das reicht doch jetzt erstmal, oder etwa nicht? Meiner Einschätzung nach: Ja, es reicht. Dabei geht es nicht darum, ob Olympische und Paralympische Spiele gut für Hamburg wären oder nicht. Solange aus der Hamburger Bevölkerung keine Begeisterung für Olympia aufkommt, können wir uns die Millionen sparen. Die meisten Menschen haben noch nie Olympische und Paralympische Spiele erlebt. Wie sollen sie das Gefühl, die Ausmaße und Tragweite eines solchen Weltereignisses begreifen? Wenn über die Spiele in Paris gesprochen wird, lese ich viel über den Umgang mit Obdachlosen und anderen Vorgehensweisen, die zu kritisieren sind. Wieso lautet die Konsequenz, die Spiele Staaten wie Russland oder China zu überlassen, statt es besser zu machen? Wieso spricht niemand darüber, wie Paris mit seiner über-woken Eröffnungsfeier die krassesten Bilder in alle Ecken der Welt geschickt hat?

Am Ende haben sich die unterschiedlichen Lager so hochgeschaukelt, weil zu schwere Argumente in den Ring geworfen wurden. Statt um die Spiele ging es um Leben und Tod, um eine Zukunft für unsere Kinder oder den Zusammenbruch der Wirtschaft. Das alles ist Quatsch. Für wenige Wochen irgendwann in ferner Zukunft wäre Hamburg das Zentrum der Welt gewesen, nicht mehr, nicht weniger. Staus, Baustellen, Pleiten gab es hier schon immer und wird es auch in Zukunft geben, ebenso wie Kultur, Innovationen und Kitaplätze. Diesen rasenden Zorn, den manche in die Olympia-Diskussion einbringen, würde ich mir für den Kampf gegen den politisch geduldeten bzw. vom Bundeskanzler aktiv unterstützten Rechtsruck wünschen.

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