Darf Satire wirklich alles?
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„Was darf die Satire? Alles“, schrieb Kurt Tucholsky unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel 1919 im „Berliner Tageblatt“.
In letzter Zeit lese ich in sozialen Netzwerken immer häufiger Kommentare in die Richtung: „Satire darf eben nicht alles.“ Ich mag es nicht, wenn sich inkompetente Menschen zu Themen äußern, von denen sie keine Ahnung haben. Vor allem dann, wenn sie nicht nur ein bisschen falsch liegen, sondern völlig. Um die Frage knapp 100 Jahre nach Kurt Tucholsky erneut zu beantworten:
Ja. Satire darf tatsächlich alles.
Charlie Hebdo ist ein gutes Beispiel. Nach dem Anschlag waren sehr viele Leute, die sich vorher nie mit der Kunst der Karikatur oder der Welt der Satire beschäftigt haben, plötzlich ganz doll Charlie. Schließlich ging es im ersten Moment gegen Islamisten. Allerdings dürfen Künstler*innen nur dann westliche Solidarität erwarten, wenn es gegen ein paar bärtige Ausländer geht. Entsprechend schnell entdeckten die ganzen Charlies, wie hart die Satirebeiträge von Charlie Hebdo waren und sind. Schon war es mit der Solidarität vorbei. „Satire gegen Moslems, okay, aber dies und jenes geht zu weit! Satire darf eben nicht alles!“
Die Welt der Satire: Neuland für viele Konservative
Zunächst einmal ist es schön, dass sich viele Menschen völlig neu und unbefangen mit Satire und Karikaturen auseinandersetzen. Jetzt folgt das Aber: Aber ein erheblicher Teil der Bevölkerung glaubt, es gehe bei Zeichnungen mit Sprechblasen und lustigen Nasen um Pointen. Das ist falsch. Bei Satire geht es nicht um den Witz, sondern um die Absicht. Charlie Hebdos Zeichnung des ertrunkenen Jungen, der später als Attentäter gezeigt wird, spiegelt nicht die Meinung des Zeichners wider und soll auch nicht witzig sein. Diese Zeichnung bildet knallhart ab, was viele Europäer denken. Dass Menschen da über Geschmack diskutieren, statt gegen das massenhafte Morden im Mittelmeer auf die Straße zu gehen, verdeutlicht das allgemeine intellektuelle Niveau.
Neuerdings hat sich ein YouTuber in die Nesseln gesetzt, indem er den Wunsch äußerte, die streikenden GDL-Mitglieder persönlich in ein Konzentrationslager zu deportieren. Erwartungsgemäß hagelte es Kritik, auf die der YouTuber mit dem Zauberwort antwortete: Satire. Alles Satire, alles nicht ernst gemeint, Kunstfreiheit, usw. Ich habe mir dieses Video angesehen und kann aus neutraler Sicht nur Folgendes sagen: Ich glaube dem jungen Mann, dass er wirklich niemals jemanden in ein KZ deportieren würde. Ich glaube ihm auch, dass er das alles nicht ernst gemeint hat. Aber! Wir leben in Deutschland. Dies hat diverse Vorzüge und diverse Nachteile. Ein Nachteil für den jungen Mann: unsere Gesetze.
Satire darf alles, aber nicht alles ist Satire
Es ist schlicht nicht erlaubt, Menschen minutenlang hart zu beleidigen und mit dem Tode zu bedrohen, Konzentrationslager herbeizuwünschen und über Deportationsfantasien zu schwadronieren. Wenn man Menschen herbe durchbeleidigt, ist das keine Satire — egal, wie häufig man das Wort wiederholt. Einfaches Beispiel: Ich kaufe mir einen Wohnwagen, stelle ihn auf einen Parkplatz und wohne darin. Egal wie oft ich behaupte, es sei ein Haus, es bleibt ein Wohnwagen.
An dem Video ist nicht zu erkennen, dass er eine Rolle spielt. Zeige dieses Video zehn unbeteiligten Menschen, die ihn nicht kennen. Mindestens neun werden sagen: Der meint das ernst. Bevor man sich also das Wort »Satire« zur Argumentation herbeizieht, sollte man sich ein wenig mit der Thematik beschäftigen. Nicht, weil der Oberlehrer das möchte, sondern weil es hochspannend ist und unglaublich viel Spaß macht.
Sehnsucht nach Kontrolle
Dass Satire nicht alles darf, hatten wir schon einmal. 1933 bis 1945. Man muss nicht alles gelungen finden; die Mohammed-Karikaturen sind größtenteils totaler Bullshit und unkreativ. Aber wollen wir wirklich Satireobergrenzen? Geschmackverbote? Ich denke nicht, dass das eine Gesellschaft ist, in der wir leben möchten.
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